EU-SILC Zahlen 2020: Jedes vierte Kind bereits vor der Pandemie armuts- und ausgrenzungsgefährdet. Armutsbekämpfung muss jetzt an erster Stelle stehen

Wien (OTS) Anlässlich der heute veröffentlichten EU-SILC Statistik (Statistics on Income and Living Conditions) über Einkommen und Lebensbedingungen von Privathaushalten zeigt sich der Caritas Präsident Michael Landau besorgt: „Die Zahl der armutsgefährdeten Menschen ist mit 13,9% in Österreich im Vergleich zum letzten Jahr auf einem ähnlich hohen Niveau. Zumal die Daten aus der Vor-Corona-Zeit stammen. Es ist ein dringender Handlungsauftrag für die Regierung, dass 233.000 Menschen erheblich materiell depriviert sind.“ Auch dass 291.000 Kinder- und Jugendliche armutsgefährdet sind, sei keinesfalls hinzunehmen: „JedeR vierte von armuts- und ausgrenzungsgefährdeten Menschen in Österreich ist ein Kind. Und es ist durch die Pandemie jedenfalls davon auszugehen, dass sich die Situation gerade für Kinder nochmals verschärft hat. Ich möchte die Bundesregierung heute an das selbst gesteckte Ziel erinnern, die Zahl der armutsgefährdeten Menschen zu halbieren. Armutsbekämpfung muss nun absolute Priorität unserer Regierung sein.“

Wie sich die dramatischen Einkommenseinbußen durch Rekordarbeitslosigkeit und Kurzarbeit auf die Armutsgefährdung auswirkt, wird erst in den Armutszahlen der kommenden Jahre Niederschlag finden. Landau befürchtet, dass die aktuellen Zahlen lediglich die Ruhe vor dem Sturm sind, denn: „Was die amtliche Statistik noch nicht berücksichtigt, spürt die Caritas bereits jetzt in ihren Einrichtungen. Die Situation hat sich für viele Menschen verschärft, bei vielen kommen viele Probleme zusammen: Aus den Sozialberatungsstellen wissen wir, dass Erspartes bei vielen längst aufgebraucht ist und gleichzeitig die Miet- und Stromrückstände stark ansteigen. Insbesondere die vermehrten Anfragen für Lebensbedarf und Lebensmittel sind ein alarmierendes Signal. Auch dürfen wir gerade jetzt die Menschen nicht vergessen, die schon vor der Krise in der Krise waren.“

Armut bekämpfen und den Sozialstaat stärken

Die Daten sind aber auch erneut ein Beleg dafür, dass der Sozialstaat eine stark schützende Funktion hat. Landau: „Wir sehen einmal mehr, wie wichtig es ist, gut ausgebaute Unterstützungsleistungen zu haben. Laut EU-SILC 2020 konnte die Armutsgefährdung durch Pensions- und Sozialleistungen von 42% auf 14% reduziert werden. Gleichzeitig haben wir im letzten Jahr aber auch gesehen, dass zusätzliche Einmalzahlungen und Maßnahmen wie der Härtefallfonds notwendig waren, um ein Abrutschen in Armut langfristig zu verhindern.“

Der Caritas Präsident erneuert seinen Appell, alle Versicherungs- und Sozialleistungen auf ihre Armutsfestigkeit hin zu überprüfen: „Das duldet keinen Aufschub. Durch die anhaltende Rekordarbeitslosigkeit fehlt vielen Menschen die Perspektive auf Arbeit und baldige Besserung ihrer Einkommenssituation.“ Laut EU-SILC waren rund 72% der Langzeitarbeitslosen armuts- und ausgrenzungsgefährdet. „Die Bundesregierung muss den vorgezeichneten Weg von der Arbeitslosigkeit in die Armut durchbrechen. Dafür braucht es eine dauerhafte Erhöhung des Arbeitslosengeldes auf ein existenzsicherndes Niveau bei gleichzeitiger Beibehaltung der Notstandshilfe.“, so Landau.

Zusätzlich erweise sich die Abschaffung der Bedarfsorientierten Mindestsicherung durch die Vorgängerregierung in der Pandemie als schwerer Fehler: „Die teils starken Kürzungen etwa für kinderreiche Familien drängt Menschen in Armutssituationen, die wir seit langem nicht erlebt haben. Hier muss die Bundesregierung umgehend korrigieren und ein lückenloses Sicherungsnetz für die Schwächsten in unserem Land wiederherstellen.“

Es braucht einen Pakt für Kinder

Mit großer Sorge erfüllt die Caritas die steigenden Zahlen an Kindern die von Armut betroffen sind: Rund 291.000 Kinder- und Jugendliche sind in Österreich von Armut gefährdet. Besonders alarmierend ist, dass Kinder und Jugendliche (0-17 Jahre) mit rund 30% einen großen Anteil der erheblich materiell Deprivierten in Österreich ausmachen und die Zahl gegenüber dem Vorjahr markant gestiegen ist. Das spiegelt sich auch in dem erhöhten Armutsgefährdungsrisiko von kinderreichen Familien und Alleinerziehenden wider. Erheblich materiell depriviert zu sein bedeutet, dass sich die Betroffenen zumindest einen Teil der Güter und Bedürfnisse des alltäglichen Bedarfs nicht leisten können.

„Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Kinderarmut zu halbieren. Die neuen Daten sollten Anlass genug sein, jetzt mit der Umsetzung zu beginnen. Es braucht langfristige Maßnahmen, wie einen massiven Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, eine Unterhaltsreform, ein umfassendes Bildungspaket sowie österreichweit einheitliche bedarfsgerechte Kinderrichtsätze in der Sozialhilfe. Außerdem sollten wir jetzt über Formen der Kindergrundsicherung nachdenken, die für jedes Kind ein Leben ohne Armut sicherstellen. Dafür braucht es dringend die Kinderkostenstudie, um sozial- und familienpolitische Leistungen an aktuelle Werte anzupassen. Denn wie die aktuellen Zahlen uns zeigen, ist das, was Familien heute bekommen zu wenig, um jedem Kind ein Leben ohne Armut zu ermöglichen “, sagt Landau.

Härtefallfonds einrichten um drohende Delogierungen zu verhindern!

Die neuen Daten machen deutlich, dass nach wie vor ein starker Zusammenhang zwischen einer überdurchschnittlich hohen Wohnkostenbelastung und der Armutsgefährdung besteht. Vor allem einkommensschwache Haushalte sind überproportional hoch von Wohnkosten belastet, während sie häufig in überbelegten und feuchten Räumen leben. Eine weitere Komponente, die die Situation für die Betroffenen erschwert, weiß Landau: „Besonders in Zeiten von distance-learning belasten beengte Wohnverhältnisse und beeinträchtigen beim Lernen und Hausaufgaben Machen. Das ist besonders dramatisch, denn Armut wird in Österreich immer noch stark vererbt und eine gute Bildung ist oft das einzige Mittel, um den Armutskreislauf zu durchbrechen.“

Zudem sind die im letzten Jahr ermöglichten Mietstundungen nun ausgelaufen – es kommt immer häufiger zu finanziellen Engpässen, auch bei jenen, die bisher nicht auf Hilfe der Caritas angewiesen waren: „Wenn hier nicht gegengewirkt wird, werden zahlreiche Menschen in Kürze auf der Straße stehen. Das muss um jeden Preis verhindert werden. Denn was es uns kosten würde, um Menschen aus dieser Situation zu helfen, wäre um ein Vielfaches mehr, als sie davor zu schützen. Es braucht dringend einen bundesweiten Härtefallfonds, mit welchem diese Mietrückstände beglichen werden können.“

Sozialer Wiederaufbau – jetzt!

Abschließend sagt der Caritas Präsident: „Wir müssen alles dafür tun, damit diese Krise nicht existenzgefährdend für viele wird. Die Pandemie hat uns auch gezeigt: Wir haben in Österreich einen guten Grundwasserspiegel der Solidarität. Zusammenhalt und das Bekenntnis dazu auch von Seiten der politisch Verantwortlichen ist jetzt entscheidend. Die Kosten dieser Krise können unter keinen Umständen von den Ärmsten geschultert werden. Wir brauchen einen sozialen Wiederaufbauplan für Österreich – und zwar jetzt.“

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