Es werden Doppeltermine für Impfungen vergeben, eine Registrierung ist offenbar verschwunden, ein Arzt erhält mehrere Impftermine, die für andere Personen bestimmt sind.

Wien (OTS) Die Chronik des Versagens: Der 92-jährige Leopold B. aus Wien-Margareten erhält am 26. Februar 2021 um 12:31 ein SMS mit einer Terminerinnerung für seine erste Teilimpfung am 27. Februar um 10:15 Uhr im Impfzentrum Gasgasse.

Am 27. Februar 2021 um 12:31 folgt ein SMS mit einem zweiten „fixen Termin für die erste Teilimpfung“ am 16. März 2021 um, 9:10 Uhr, diesmal an einem anderen Ort, im TownTown Impfzentrum.

Das Verwirrspiel wiederholt sich: Zuerst wird eine zweite Teilimpfung für den 20. März 2021 anberaumt, einige Zeit später kommt ein SMS mit fixem Termin für eine nochmalige „zweite Teilimpfung“ erst am 6. April.

„Diese Doppeltermine haben große Verunsicherung erzeugt“, berichtet dessen Tochter Claudia B. Zumindest eine andere Person hätte ja von einem der offenbar doppelt vergebenen Termine profitieren können.

Ganze 9,5 Stunden sei sie in der Warteschleife der Corona-Nummer 1450 gewesen (aufgeteilt auf vier Anrufversuche), mit dem Ergebnis, dass sie ein einziges Mal hören durfte „Wir können Ihnen nicht weiterhelfen, weil wir auch nichts wissen“.

Im Falle des Schwiegervater derselben Claudia B. lässt sich ein zweiter, jedoch anders gearteter Beleg für das Chaos beim Wiener Impfservice dokumentieren: Es handelt sich um einen 80-jährigen Mann, der nach einer Herzoperation als Risikopatient gilt. Er trug sich am ersten Tag der Anmeldemöglichkeit via Internet beim Wiener Impfservice ein und erhielt per Mail die Bestätigung seiner Anmeldung. Auf mehrfache Anfragen bei der Hotline 1450, wann mit dem ersten Impftermin zu rechnen sei, erhielt er lediglich die Auskunft „Wir wissen es nicht“.

„Da in unserem persönlichen Umfeld eine Menge jüngerer Personen ohne Risiko bereits geimpft wurden“, berichtet Claudia B. weiter, „hat mein Schwiegervater am 19. März wieder nachgefragt“. Diesmal habe eine freundliche Mitarbeiterin nachgesehen und mitgeteilt, dass für den Schwiegervater gar keine Vormerkung zur Impfung im EDV-System der Stadt Wien aufscheine: Registrierung und Vormerkung waren offenbar verschwunden.

Das Beispiel eines 73-jährigen Arztes am Wiener AKH im Ruhestand belegt eine dritte Fehlerquelle, dass es beim Wiener Impfservice drunter und drüber geht: Der Arzt erhielt zusätzlich zu Terminen für seine eigenen Teilimpfungen ganze fünf weitere SMS zugesandt, in denen jedoch andere Namen und andere Impftermine aufschienen. Es darf gefragt werden, ob die Personen, für die diese Termine offenbar gedacht waren, davon überhaupt erfahren haben (siehe Teil 1 zum Chaos beim Wiener Impfservice in einer OTS-Aussendung vom 14. März 2021).

Sollte es sich bei den oben dokumentierten Beispielen um fehlerhafte Eingaben von Mitarbeiterinnen oder Mitarbeitern in das Computersystem des Wiener Impfservice gehandelt haben, dann könnten das bedauerliche Einzelfälle gewesen sein (solche Fehler passieren eben, nicht nur in herausfordernden Zeiten). Wenn jedoch, was wahrscheinlicher ist, das System selbst fehlerhaft funktioniert, dann wären weitaus mehr Impfwillige davon betroffen.

Da nützt auch die ständige Klage nichts, dass viel zu wenig Impfdosen geliefert würden. Im Gegenteil: Wären dreimal so viele Impfdosen in Wien angekommen, dann wäre das Chaos vermutlich dreimal so groß.

Der Schluss liegt daher nahe, dass Wien beim Zeitplan nicht nur deshalb nachhinkt, weil zu wenig Impfdosen vorhanden sind, sondern weil die Logistik nicht funktioniert. Denn im aktuellen Dokument des Gesundheitsministeriums zur „Durchführung der Corona-Schutzimpfung“ vom 15. März 2021 erhält Österreich bis Ende März 1,95 Millionen Impfdosen. Teilt man diese nach der Bevölkerungszahl auf die Bundesländer auf, so entfallen auf Wien 21 Prozent der Impfdosen, das sind 409.500 Stück. Von denen wurden mit Stand 18. März 2021 aber nur 261.716 Impfdosen verabreicht (erste und zweite Teilimpfung zusammengezählt). Es müssten also für das erste Quartal noch 147.784 Impfdosen übrig sein, das sind immerhin 36 Prozent der Liefermenge.

Nicht hoffnungsfroh macht auch eine Aussendung vom Impfservice Wien vom 19. März 2021, wonach in der kommenden Woche eine „zusätzliche Impfoffensive“ für Personen ab Jahrgang 1931 oder älter geplant sei; von dieser Altersgruppe seien „bereits 55 Prozent durchgeimpft“. Angesichts der Tatsache, dass bereits seit zwei Monaten Impfungen verabreicht werden und Senioren erste Priorität haben, ist ein Ergebnis von aktuell 55 Prozent bei über 90-Jährigen eher keine Erfolgsmeldung.

Aus den Angaben des Impfservice Wien vom 19. März 2021 lässt sich ferner ermitteln, dass seit Beginn der Impfkampagne im Schnitt dreitausend Personen pro Tag ihre erste Teilimpfung erhalten haben (Start der Registrierung war am 18. Jänner 2021). Bei diesem Tempo würde es von heute weg noch 165 Tage, also bis Ende August 2021 dauern, bis die verbleibenden und angemeldeten 499.431 Wiener ihre erste Teilimpfung erhalten haben.

Zur Frage, was mit der deutlichen Mehrheit der Wiener Bevölkerung los ist, die beim Impfservice noch nicht registriert ist, herrscht Stillschweigen. Was, wenn sich die gar nicht impfen lassen?

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Stefan M. Gergely
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