Wie geht es unseren Kindern und Jugendlichen?

Wien/St.Pölten (OTS) Der Österreichische Familienbund lud ein zur Online-Diskussion mit Familienministerin MMag. Dr. Susanne Raab, Professor Dr. Sabina Pauen, Leiterin des Psychologischen Instituts der Universität Heidelberg, Mag. Sabine Wagner-Simhandl, Leiterin der Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum St. Pölten und Mag. Susanne Stockreiter-Strau, Kinder- und Jugendhilfe. Nachgegangen wurde der Frage wie es den Kindern und Jugendlichen nach 15 Monaten Corona-Pandemie geht. Provokant gefragt: haben wir eine „Lost Generation“ oder eine „Tough Generation“?

Respekt vor jungen Menschen und dem Schutz der Älteren

Familienministerin Susanne Raab betonte, dass Eltern in der Zeit Unmenschliches leisten und das Beste für ihre Kinder wollen. Elternbildung kann Eltern bei diesen Herausforderungen unterstützen und Überforderung vermeiden helfen. „Großen Respekt habe ich vor allem für den Akt der Solidarität, den junge Menschen zum Schutz der Älteren leisten: Dadurch hat sich diese Generation Skills angeeignet, die ganz großartig sind. Man darf die Schwierigkeiten, die diese Zeiten mit sich brachten und bringen, nicht vergessen. Aber wir sollen dabei auch bewusst auf das Positive schauen und Zuversicht gewinnen.“ Die Familienministerin dankte dem Familienbund dafür, diesen Blick auf die Situation unserer Kinder und Jugendlichen zu werfen.

Unsere Gesellschaft wird achtsamer

Sabina Pauen unterstrich als Entwicklungs- und Biologische Psychologin, dass Familien gerade eine besondere Zeit erleben, die sich keiner ausgesucht und gewünscht hat: „Gleichzeitig sind wir auf der ganzen Welt dabei, nach guten Lösungen zu suchen. Dieses globale Handeln bekommt die junge Generation mit und auch, dass das, was man selbst tut, Auswirkungen auf ein anderes hat.“ In den Familien herrscht Unsicherheit um die Zukunft, die Arbeit, die Angst vor Ansteckung, aber Not schweißt zusammen. „Wir wissen aus der Forschung: Eltern können mit ihren Kindern nur sehr schwer für die Schule lernen. Sie kommen daher schnell an die Grenzen ihrer Geduld“, erklärt Pauen die Herausforderung „Homeschooling“ und sieht gleichzeitig in diesem Mehr an Zeit in der Familie auch eine große Chance: „Die gemeinsame Zeit kann ein unglaublicher Fundus und eine Ressource für das spätere Leben sein. Kinder bekommen von ihren Eltern viel mehr mit als in Normalzeiten, wenn jeder tagsüber sein eigenes Programm hat“, so die Expertin. Wichtig aber sei es, dass der Alltag trotzdem gut organisiert und Aufgaben fair aufgeteilt werden. Familien sind gefordert, ihre eigenen Tagesstrukturen zu finden. „Wenn das gelingt, können sie von der aktuellen Ausnahmesituation durchaus auch profitieren.“

Mehr emotionale Präsenz

Sabine Wagner-Simhandl sieht in ihrer Arbeit als klinische Heil- und Sonderpädagogin vor allem die Spuren und die Folgen der letzten 15 Monate: „Ein großes Problem ist die Gewalt von der Kinder und Jugendliche betroffen sind. Das ist nicht immer körperliche Gewalt oder Missbrauch, sondern viel häufiger die emotionale Gewalt!“. Wenn Kinder durch Sätze wie „Lass mich in Ruhe!“, „Kannst du nicht Rücksicht nehmen“ abgewertet werden oder wenn die Eltern streiten. Die Kinder sind damit sehr, sehr alleine und sie kommen auch nicht raus aus der Situation, berichtet Wagner- Simhandl. In „Normalzeiten“ sind die Kinder bei den Großeltern, in der Schule, im Kindergarten.

Beim Fehlen dieser Ressourcen entwickeln Kinder häufig psychosomatische Symptome, um diesen Leidensdruck aushalten zu können. Daher sollte die Psychosomatik, ihrer Meinung nach, auch mehr Bedeutung in der Akutmedizin erhalten.

„Was jedoch auch zu bemerken war, ist, dass Kinder gelernt haben, sich selbständig durch digitale Medien Hilfe zu holen und auch Sozialkontakte zu pflegen. Sie haben gelernt, dass eine gute Struktur und Organisation helfen kann. Sie haben auch gelernt, dass sie selbst durchaus in der Lage sind Lösungen zu finden“, so die Psychotherapeutin. „Die Chance auf eine gute Eltern-Kind-Zeit nehmen viele Familien wahr und die emotionale Präsenz nimmt zu in den Familien. Qualitätszeit mit den Kindern ist unglaublich wichtig.“

Chancen wahrnehmen

Susanne Stokreiter-Strau von der Kinder- und Jugendhilfe fasst zusammen: „Das Problem unserer Familien ist oft die Diskrepanz zwischen der Erwartungshaltung wie Familie zu sein hat und den eigenen Ressourcen. Vor einem Jahr gab es von heute auf morgen keine Schule und keinen Kindergarten mehr. Davor hatten die Kinder zumindest das erste Halbjahr normalen Schul- und Kindergartenbetrieb erlebt. Die Zeit im ersten Lockdown wurde daher als zusätzliche Ferien erlebt. Die Familien waren relativ entspannt“, erinnert sich die Expertin. Im Herbst waren dann die Eltern plötzlich in der Rolle als Lehrende und im Homeschooling sehr gefordert und sehr bald deutlich überfordert. „Vor allem die Schulverweigerer machen uns jetzt Kopfzerbrechen sowie das Fehlen der Praxisgegenstände. Diese Defizite müssen dringend aufgeholt werden und schwache Familien unterstützt“, berichtet Stokreiter-Strau. Als absoluten Bonus sieht sie, dass „unsere Familien gelernt haben, dass man am Computer nicht nur spielen kann. Die Digitalisierung hat hier wertvolle Dienste geleistet. Getrennt lebende Elternteile waren am Anfang der Pandemie sehr verunsichert, wie das mit den Besuchskontakten funktioniert. Da hat es sehr rasch eine Klarstellung seitens der Regierung gegeben und Eltern haben erkannt, der andere Elternteil ist eine Ressource. Viele Familien haben gelernt, die Besuchskontakte eigenverantwortlich zu organisieren.

100 % tough!

Familienbund-Präsident Mag. Bernhard Baier, der durch die Diskussion führte, bedankte sich beim Podium für die ehrlichen Worte und die Vielzahl an Möglichkeiten und Ressourcen, die aufgezeigt wurden: „Die Diskussion war erhellend. Ohne die Risiken und Schattenseiten auszublenden, zeigte das Podium die Chancen, die durch das Bewältigen der Krise entstehen und dass unsere Kinder und Jugendlichen als toughe Generation aus dieser Zeit hervorgehen werden!“

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