Slowakischer Geheimdienst-Chef kritisiert massive Sicherheitslücken

Wien (OTS) Seit 1985 wird im slowakischen Mochovce an zwei weiteren Atomreaktoren gebaut. Erst auf Druck der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000 und slowakischen NGOs wurde Ende 2019 eine Sicherheitsmission der IAEO durch ein Team aus erfahrenen Atom-Ingenieuren und Fachleuten vom Reaktor 3 und 4 durchgeführt. Dabei wurde vor allem die Betriebssicherheit, nicht das Design der Anlage untersucht. Jetzt liegt GLOBAL 2000 der besorgniserregende Bericht vor, der massive Sicherheitsmängel aufzeigt.

Im Juni diesen Jahres stellte GLOBAL 2000 eine Anfrage nach dem Informationsfreiheitsgesetz, um den Ergebnis-Bericht dieser Untersuchung zu erhalten – die Betreibergesellschaft verweigerte jedoch die Herausgabe, aus durchgesickerten Informationen konnte geschlossen werden, dass der Bericht kritisch ist. „Wir haben nun mit Unterstützung einer slowakischen NGO-Juristin den Bericht der durchaus atomfreundlichen IAEO-Mission erhalten“, sagt Reinhard Uhrig, Atom-Sprecher von GLOBAL 2000. „Der Bericht stellt ein vernichtendes Zeugnis über den aktuellen Zustand auf der Mochovce-Baustelle aus: 22 Problemfelder mit mehreren dutzend Problem-Beispielen und vielen Verbesserungsnotwendigkeiten werden vom Pre-Operational Safety Review Team aufgelistet.“ Durch die Veröffentlichung hat nun auch die slowakische Öffentlichkeit Zugang zum Bericht und in erster Reaktion schockiert festgestellt, dass die Einschätzungen der Kritiker aus Österreich bestätigt werden.

Der Bericht kommt zum Schluss, dass aktuell das Atomkraftwerks-Management nicht auf eine sichere Inbetriebnahme von Reaktor 3 vorbereitet ist: Es werden keine hohen Standards gesetzt, die einen sicheren Betrieb garantieren würden. Die Sicherheitskultur des Managements und der Aufsicht wird angezweifelt. Der Bericht zeigt folgende Probleme auf:

  • Im Bericht der IAEO werden zahllose Beispiele für diese Probleme aufgezählt, wie etwa die Beobachtung, dass „das Monitoring wichtiger Parameter über die Bedingungen des Atomkraftwerks und der Anlagen durch das Personal im Kontrollraum verbessert werden müsste, um die Sicherheit der Anlagen und des Kraftwerks zu sichern.“
  • Auch der Bericht über eine Feuerwehr-Übung im November 2019 ließ Zweifel aufkommen: „Die Feuerwehr traf schnell ein, doch hatten sie keinen Schlüssel für diesen Raum. Dann war unklar, wer für die Öffnung der Türe zuständig ist.“
  • Der Bericht kritisiert viele Fälle des Wegschauens der Manager auf der Baustelle, so zum Beispiel bei Schweiß- und Schleifarbeiten ohne ausreichende Schutzvorrichtungen vor den Gebäuden mit den Notstrom-Dieselgeneratoren, bei Beschädigungen von Rohrleitungsverkleidungen im Kernbereich der Atomanlage, aber auch beim Strahlenschutz. So kam es in den vergangenen zwölf Monaten allein zu fünf Strahlenquellenzwischenfällen auf der Baustelle. Die ExpertInnen stellen sogar eine Verschlechterung von 2017 bis 2019 fest – anders als vom Betreiber behauptet, sind diese Probleme also nicht behoben. Diese katastrophale Sicherheitskultur bei den Arbeiten auf der Atom-Baustelle wurde 2019 von einem der Whistleblower bestätigt, der als Arbeitsinspektor auf der Baustelle gearbeitet hatte und GLOBAL 2000 umfangreiches Bildmaterial als Beleg vorlegte.

Geheimdienstchef kritisiert Sicherheitskultur und Korruption in Mochovce

Der neue Chef des slowakischen Geheimdiensts SIS beklagte diese Woche in einem Interview massive Probleme in Mochovce: Vladimír Pčolinský sprach einerseits die grassierende Korruption beim Bau des Atomreaktors an, die dieses Jahr bereits zu mehreren Razzien der slowakischen Kripo auf der Baustelle und Korruptions-Ermittlungen gegen führende Manager führte. Andererseits sieht der Geheimdienst-Chef ein völliges Kontrollversagen bei der Bauleitung und auch bei der Atomaufsicht des Landes. „Es war einfach ein Chaos, Lieferanten lieferten minderwertige und nicht zertifizierte Produkte, die Aufsicht führten einige Inspektionen eher auf dem Papier als wirklich durch“, kritisiert der Chef des Geheimdiensts. Der Nachrichtendienst der Slowakei SIS befasse sich schon lange mit Mochovce und informiere über die festgestellten Missstände oft bis zu viermal im Monat, allerdings ohne adäquate Reaktion der höchsten Vertreter des slowakischen Staates. Nicht so sehr Korruption und Betrug auf der Baustelle seien das Problem – damit befasst sich bereits die Polizei – sondern die nukleare Sicherheit selbst.

Der IAEO-Bericht belegt, dass dem Papier nicht vertraut werden kann, auf dem die Bauleitung die angebliche Einhaltung von Sicherheitsvorschriften beschreibt. „Das ist besonders relevant für die von uns mit Whistleblowern aufgedeckten möglichen Statik-Schäden an der hermetischen Hülle des Reaktors durch unkontrollierte Bohrungen, die ja ebenfalls ‚auf dem Papier‘ sicher sein sollen“, so Uhrig. „Nach der Veröffentlichung dieses vernichtenden Untersuchungsberichts ist eine vollkommene, transparente Neuüberprüfung der veralteten Anlage notwendig. Wir fordern bis dahin einen sofortigen Baustopp für die Chaos-Baustelle, auf der offenkundig immer noch Pfusch und Korruption außer Kontrolle sind.“

HIER finden Sie den Report of the Pre-Operational Safety Review Team Mission to Unit 3 of the Mochovce Nuclear Plant, Slovak Republic, 18 November to 5 December 2019.

Fotos von den Sicherheitsmängeln finden Sie HIER.

Rückfragen & Kontakt:

Viktoria Auer, GLOBAL 2000 Pressesprecherin, 0699 14 2000 82, viktoria.auer@global2000.at
Dr. Reinhard Uhrig, GLOBAL 2000 Atomsprecher, 0699 14 2000 18, reinhard.uhrig@global2000.at

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