15 Jahre ohne Honorar-Anpassung legen den Mangel immer schonungsloser offen: Gutachter-Referat der Österreichischen Ärztekammer fordert unverzügliches Handeln.

Wien (OTS) Ein aktueller Fall in Niederösterreich zeigt die dramatischen Konsequenzen des aktuellen Gutachtermangels auf: Nach vier Todesfällen in einem Pflegeheim in St. Pölten, die den Verdacht der fahrlässigen Tötung bzw. fahrlässigen Körperverletzung aufgeworfen haben, warten die Ermittler schon seit März auf das nötige Gutachten zur Obduktion. „Schuld daran ist der immer kleiner werdende Kreis an Gerichtsmedizinern“, schlägt Harald Schlögel, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer und Leiter des ÖÄK-Gutachter-Referates, Alarm. „Wenn hier nicht schleunigst Verbesserungen folgen, wird das unsere neue Normalität sein – mit all den katastrophalen Konsequenzen, die eines Landes wie Österreich unwürdig sind.“ Es herrsche akuter Nachwuchsmangel und ein Ansatzpunkt ist für Schlögel völlig klar: „Die Honorare für Gutachter wurden zuletzt 2007 angepasst – schon vor der gerade explodierenden Inflation war das ein realer Wertverlust von etwa 29 Prozent. Die aktuelle Teuerung hat dieses Problem noch drastisch verschärft“, hält Schlögel fest. Es sei auch nicht einzusehen, warum einige Berufsgruppen, darunter eben Ärztinnen und Ärzte, gesetzlich in feste Tarife gezwungen werden. „Das hat die Skurrilität zur Folge, dass Ärztinnen und Ärzte aufgrund dieser Bestimmungen für vollkommen idente Tätigkeiten deutlich weniger verdienen als andere Berufe. Bei dieser systematischen Benachteiligung darf man sich nicht über einen Mangel wundern“, unterstreicht Schlögel.

Zudem habe man sehenden Auges die Gerichtsmedizin in Wien kaputtgespart und in ihrer Existenz bedroht. „Die Wiener Gerichtsmedizin kann auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken und zählte einst zur Weltspitze der Forschung. Das Institut in der Sensengasse und damit die Ausbildung des Nachwuchses wurde aber über die vergangenen Jahrzehnte hinweg ausgehungert. Die Ärztekammer hat immer wieder darauf hingewiesen, dass man damit einen gravierenden Mangel an Gerichtsmedizinern billigend in Kauf nimmt. Nun bekommen wir die Rechnung präsentiert“, sagt Schlögel.

Der Tätigkeitsbereich für Gerichtsmediziner sei ohnehin schon sehr speziell und die Arbeit hochkomplex, so der ÖÄK-Vizepräsident – daher sei es extrem wichtig, die Hebel zu nutzen, die vorhanden sind. Die starre und nicht mehr zeitgemäße Honorierung sei ein riesiger Hemmschuh. „Sie sorgt für wachsende Unzufriedenheit und schreckt den Nachwuchs ab“, mahnt Schlögel und appelliert an den Bund, hier Abhilfe zu schaffen. „Der Mangel rächt sich bereits jetzt bei den langen Wartezeiten für Pensionsgutachten – nun bekommen auch Justiz und Ermittlungsbehörden immer öfter die Konsequenzen zu spüren. Und wenn nicht rasch gehandelt wird, ist das erst der Anfang“, warnt Schlögel vor einem drohenden Zusammenbruch der forensisch-medizinischen Begutachtung in Österreich.

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