Wien (OTS) Brennende Wälder, tauende Permafrostböden, das Abschmelzen von Polareis und Gletschern, Dürren in ehemals fruchtbaren Regionen, das massenhafte Aussterben von Arten – während die Auswirkungen des Klimanotstands allerorts sichtbar werden, handelt staatliche Politik nicht entsprechend der Dringlichkeit der Klimakrise. So wird an einem Tag der Klimanotstand ausgerufen, während am nächsten Tag fossile Energieträger gefördert, Autobahnen und Flughäfen und Gaspipelines gebaut, und Flächen großräumig versiegelt werden. Weltweite Klimagerechtigkeitsbewegungen versuchen daher, den notwendigen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Die Ausstellung „Overground Resistance“ (26.08. bis 21.11.), kuratiert von Oliver Ressler, zeigt Arbeiten von KünstlerInnen, die ihre Arbeiten im Dialog mit der Klimagerechtigkeitsbewegung entwickeln, und sich als Teil dieser Bewegungen begreifen. Am 25.08., 19 Uhr findet die Eröffnung statt.

25 Jahre der Klimaverhandlungen haben im Rahmen der Vereinten Nationen keine Reduktion der globalen CO2-Emissionen bewirkt. Soziale Bewegungen erhöhen daher den Druck auf Regierungen, das Ende der auf fossilen Brennstoffen basierenden Ökonomie und die Umstellung auf eine CO2-neutrale Gesellschaft einzuläuten.

Verkehr, Nahrungsproduktion, Wohnen sowie Arbeiten müssen neu organisiert werden und der gesellschaftliche Fokus von Wachstum und Profit hin zu Ressourcenschonung, Erhaltung der Lebensgrundlagen, Klimagerechtigkeit und globale Umverteilung verschoben werden, z.B. durch die radikale Besteuerung klimaschädlicher Fortbewegungsmittel und ressourcenverbrauchender Produktionen.

Während historischer Widerstand zumeist „underground“ von PartisanInnen oder außerparlamentarischen Gruppen organisiert wurde, findet Klimaaktivismus im Gegensatz dazu im großen Rahmen „overground“ statt – auch wenn dabei oft die Grenzen dessen, was als legal definiert wird, überschritten werden. Die globale Bandbreite und die Sichtbarkeit der Bewegung zeigen das globale Ausmaß der Bedrohung sowie die beispiellose gesellschaftliche Breite der kollektiven Entschlossenheit, ihr entgegenzuwirken.

So haben z.B. die Besetzungen der Braunkohleabbaustätten in Deutschland zentral dazu beigetragen, dass die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kohle beschlossen hat (auch wenn der spätere Ausstiegstermin 2038 es nach übereinstimmender Einschätzung der Klimawissenschaft verunmöglichen wird, dass Deutschland seine vertraglichen Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen erfüllt). Ohne den jahrelangen Druck indigener AktivistInnen hätte US-Präsident Joe Biden die Genehmigung für die Keystone XL Teersande-Ölpipeline wohl nie widerrufen.

Millionen von Menschen, die den völligen planetaren Klimakollaps verhindern und die Erde auch für die kommenden Generationen als Lebensraum erhalten möchten, werden in der Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv. Das gilt auch für zahlreiche KünstlerInnen.

Die Ausstellung versammelt KünstlerInnen, die ihre Arbeiten im Dialog mit der Klimagerechtigkeitsbewegung entwickeln, und sich als Teil dieser Bewegungen begreifen.

Dabei gibt es eine Vielfalt unterschiedlicher Strategien und Ansätze, wie einige Beispiele von in der Ausstellung präsentierten Arbeiten zeigen:

So konzipiert The Natural History Museum, ein mobiles Pop-up-Museum, gegründet 2014 vom Kollektiv Not an Alternative, Kampagnen, die oft in Zusammenarbeit mit indigenen ProtagonistInnen oder unterrepräsentierten Communities umgesetzt werden. Dabei wird aufgezeigt, wie das Sponsoring der Erdölindustrie beeinflusst, was in Museen gezeigt oder ausgeschlossen wird.

Jay Jordan und Isabelle Frémeaux vom Laboratory of Insurrectionary Imagination organisierten während des COP21 in Paris im Dezember 2015 die „Climate Games“ und entwickelten damit zentrale Aktionsformen, die maßgeblich das Erscheinungsbild der Klimagerechtigkeitsbewegung prägen. In einem in der Ausstellung gezeigten Film beschreibt Jay Jordan die Rolle von KünstlerInnen, sich in die sozialen Bewegungen zu involvieren und diese als Material zu begreifen. In dieser Praxis lösen sich die Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus komplett auf.
Der Film „Notre Flamme Des Landes: The Illegal Lighthouse Against an Airport and Its World“ (2018) beschäftigt sich mit der aus dem Widerstand gegen einen geplanten Flughafen entstandenen autonomen Region ZAD in der Nähe von Nantes in Frankreich, in der Jordan und Frémeaux leben.

Tiago de Aragão schafft als Mitstreiter indigener Communities in Brasilien gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen Filme wie „Entre Parentes“ (2018) über das Protestcamp „Acampamento Terra Livre“ in Brasilia.

Um die Abhängigkeit ihrer Wohnorte in Grönland und der Marshall Islands voneinander geht es im Film „Rise: From One Island to Another“ (2018) von Aka Niviâna und Kathy Jetn̄il-Kijiner, die von schmelzenden Eismassen und dem daraus resultierenden steigenden Meeresspiegel geprägt sind.

Rachel Schragis ist eine zentrale Stadtteilorganisatorin und Klimaaktivismuskoordinatorin in Brooklyn. Die durch ihre Tätigkeit gewonnenen Einblicke hat sie in ihrem großformatigen Ablaufdiagramm „Confronting the Climate“ (2016) wiedergegeben, das aus ihrer organisatorischen Tätigkeit für den „People‘s Climate March“ in New York 2014 resultiert.

Lauren Bon and the Metabolic Studio kreieren mit ihrem provokativen Textbild „Artists Need to Create on the Same Scale That Society Has the Capacity to Destroy” eine Aufforderung, die keinen Zweifel daran lässt, dass es in dieser Ausstellung nie um reine Abbildung oder Dokumentation geht, sondern um die Herstellung von Beziehungen zu sozialen Bewegungen, in die sich KünstlerInnen und KulturproduzentInnen aktiv einbringen.

In den letzten Jahren gab es einige Ausstellungen, die sich mit dem Klimakollaps auseinandersetzen. Die Ausstellung im frei_raum Q21 exhibition space scheint hingegen die weltweit erste Kunstausstellung zu sein, die den Fokus auf Klimaaktivismus verlegt.

Die Ausstellung ist eine Erweiterung des vom FWF finanzierten Forschungsprojekts „Barricading the Ice Sheets“ von Oliver Ressler, das die Klimakrise, die Klimagerechtigkeitsbewegung und ihr Verhältnis zur Kunst untersucht. „Barricading the Ice Sheets“ wird im Rahmen von Einzelausstellungen in der Camera Austria, Graz (04. 09. – 21. 11. 2021 ); dem Museum of Contemporary Art, Zagreb ( 30. 11. 2021 – 30. 01. 2022 ); dem Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.), Berlin (June – August 2022); der Tallinn Art Hall, Tallinn (09. 09. – 13. 11.2022); oder im The Showroom, London (October – December 2022) umgesetzt.

Begleitet wird die Ausstellung von einem Rahmenprogramm: geplant sind u.a. ein Filmabend im Rahmen des diesjährigen Filmfestivals frame[o]ut sowie mehrere Artists Talks.

KünstlerInnen:
Tiago de Aragão (BRA), Lauren Bon and the Metabolic Studio (USA), Noel Douglas (GBR), Francisco Huichaqueo (Mapuche Nation/CHL), Gilbert Kills Pretty Enemy III (Hunkpapa Lakota of the Standing Rock Sioux Tribe/USA), Kathy Jetn̄il-Kijiner & Aka Niviâna (MHL/GRL), Laboratory of Insurrectionary Imagination (FRA), The Natural History Museum (USA), Oliver Ressler (AUT), Rachel Schragis (USA), Seday (FRA), Jonas Staal (NLD), Tools for Action (HUN/NLD)

Kurator: Oliver Ressler

„Overground Resistance“ wird in Kooperation mit dem Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres organisiert. Die Ausstellung wird in einer neuen Konfiguration 2022 im NeMe Arts Centre in Limassol, Zypern fortgeführt.

Ausstellungsdisplay: Magdalena Hofer, Studierende der Abteilung für Bühnen- und Kostümgestaltung, Film- und Ausstellungsarchitektur, Universität Mozarteum Salzburg

Overground Resistance
Dauer: 26.08. bis 21.11., Di bis So 13-16h & 16.30-20h, Eintritt frei
Eröffnung: Mi 25.08., 19h
Ort: frei_raum Q21 exhibition space/MuseumsQuartier Wien
www.Q21.at

Direktor MuseumsQuartier Wien: Christian Strasser

Rückfragen & Kontakt:

Presse MQ: Irene Preißler
Tel. [+43] (0)1 / 523 58 81 – 1712; E-Mail: ipreissler@mqw.at

Künstlerische Leiterin, frei_raum Q21 exhibition space: Elisabeth Hajek
Tel.: [+43] (0)1 / 523 58 81 – 1717; E-Mail: ehajek@mqw.at

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