Zum ORF-Pflegeschwerpunkt am 12. November um 21.05 Uhr in ORF 2

Wien (OTS) Dr. Friedrich Ritter gehört zu einer aussterbenden Spezies. Er ist Landarzt in Gasen in der Steiermark. Tag und Nacht erreichbar, auch am Wochenende. Er impft die Kinder in der Schule, versorgt Verunglückte, kommt zu Sterbenden auf abgelegene Höfe. In einigen Jahren geht er in Pension. Nachfolge wird nur schwer zu finden sein, denn viele Jungmediziner/innen wollen sich diese „Dauerverfügbarkeit“ am Land nicht mehr antun. Hier sollen Primärversorgungszentren mit mehreren Fachärztinnen und -ärzten und medizinischem Personal wie etwa im Bereich Physiotherapie Abhilfe schaffen. Diese Zentren, von denen es noch viel zu wenige gibt, sollen auch die Spitäler entlasten. Warum das jedoch noch nicht so funktioniert wie gedacht, berichtet der ärztliche Leiter des Primärversorgungszentrum Weiz Dr. Herbert Ederer in Gregor Stuhlpfarrers neuer „Menschen & Mächte“-Dokumentation „Diagnose:
Reformbedarf. Wie belastet ist unser Gesundheitssystem?“, die ORF 2 im Rahmen der ORF-Initiative „Bewusst gesund: Pflege – Die große Herausforderung“ (Details unter presse.ORF.at) am Donnerstag, dem 12. November 2020, um 21.05 Uhr zeigt.

Während der niedergelassene Bereich von der Krankenkasse über die Beiträge finanziert wird, kommt das Geld für die Krankenhäuser vielerorts von Ländern und Bund, ist also steuerfinanziert. „Solange es diese Zweigleisigkeit gibt, wo es die Krankenkasse lieber hat, dass die Patienten ins Spital gehen, und das Land es lieber hat, dass die Patienten ins Primärversorgungszentrum gehen, solange wird sich an der Konkurrenz zwischen niedergelassenem Bereich und Spitälern nichts ändern“, sagt der betroffene Primärversorgungszentrums-Leiter Herbert Ederer.

Die Kosten des Gesundheitssystems wurden und werden oft kritisiert. „Wir geben in Österreich mit 10,3 Prozent vom BIP für Gesundheit weniger aus als Deutschland oder die Schweiz und haben ein durchaus vergleichbares Gesundheitssystem“, entgegnet Ärztekammer-Präsident Thomas Szekeres. Neben der segmentierten Finanzierung wurden vor allem die Kosten des Gesundheitssystems immer wieder kritisiert, speziell im Spitalsbereich, etwa vom Rechnungshof. Doch in Zeiten der Pandemie hat sich unsere vergleichsweise gute medizinische Infrastruktur, das Hausärzte-Netz, die Spitäler, die hohe Intensivbetten-Quote mitsamt niedriger COVID-19-Mortalität, gut bewährt. „Ich erlebe es seit gut 30 Jahren, dass jemand kommt und sagt: ‚Ihr seid zu teuer, es muss weniger werden‘“, so Dr. Christoph Wenisch, Leiter der Infektionsabteilung am Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien.

Viele Patientinnen und Patienten – das kennt auch Dr. Daniela Kasparek, eine der letzten Kinderärztinnen mit Krankenkassenvertrag in Wien-Ottakring, einem Bezirk mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. An Spitzentagen werden bis zu 300 Kinder behandelt. Das setzt eine perfekte Organisation voraus. „Meine Aufgabe besteht hauptsächlich in medizinischer Beratung. Aber das Wichtigste, eben die Zeit für das Gespräch mit dem Patienten, wird finanziell von der Krankenkasse am Geringsten abgegolten“, meint sie im Interview mit Doku-Gestalter Gregor Stuhlpfarrer.

Viele Jungmediziner/innen gehen nach ihrer Ausbildung ins Ausland. Einer, der das getan hat, ist der Wiener Theodor Fischlein, mittlerweile Leiter der Herzchirurgie in Nürnberg und einer der besten Herzspezialisten Deutschlands. Seine Gründe erläutert er in der Doku. Auf der anderen Seite wandern Mediziner/innen aus dem Ausland zu, auch Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Das jedoch behebt den bevorstehenden Ärztemangel aufgrund künftig hoher Pensionierungsraten nicht.

Wer in Österreich ärztliche Leistungen braucht, bekommt sie auch. Ist nur die Frage, wie lange man auf einen Termin warten muss. Die Wartezeiten werden länger, eine Patientin berichtet, dass sie zwei Monate auf die erste Schmerztherapie auf Krankenkasse warten musste. Wochen- oder monatelange Wartezeiten treiben immer mehr Erkrankte in die Spitalsambulanzen. Auch Versorgungslücken nehmen zu, vor allem im Facharztbereich. Daher flüchten jene, die es sich leisten können, in Privatordinationen. Wer mehr Zeit, mehr Aufmerksamkeit und geringere Wartezeiten will, wer dafür auch bereit ist, mehr zu zahlen, wechselt zum Wahlarzt bzw. zur Wahlärztin. Das bringt Vorteile für beide Seiten. „Wir haben in Österreich rund drei Millionen Menschen mit einer Kranken-Zusatzversicherung. Das führt zwingend zu Ungerechtigkeiten, zum Beispiel im Spital mit der ‚Sonderklasse‘“, hält Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer fest.

Unser Gesundheitssystem garantiert Beschäftigung für Hundertausende Menschen. Es ist mehr als nur ein Kostenfaktor, mehr als nur ein Parameter für Wirtschaftlichkeit. Es ist ein zentrales Element für soziale Stabilität und Solidarität im Land. Gleichzeitig auch eine Wachstumsbranche, denn die Zahl der chronisch Kranken nimmt zu und damit die Aufwendungen für Rehabilitation, Kuren und andere Behandlungskosten. Investieren wir zu wenig Geld in die Prävention, in die Vorbeugung, die letztlich billiger kommt als langwierige Behandlungen? Die „Krankenversorgung in Rot-Weiß-Rot“ kann sich im europäischen wie internationalen Vergleich zwar sehen lassen, trotzdem wird sie zunehmend zur Baustelle. Die kontinuierlich steigenden Zahlen der Zusatzversicherten lassen vermuten, dass das Vertrauen in das staatliche Gesundheitswesen eingeschränkt ist. Die Finanzierung ist, kommunizierenden Gefäßen gleich, von der Wirtschaftsleistung des Landes und der Zahl seiner Beschäftigten abhängig. Verschärft durch Corona droht ein finanzieller Kollaps, denn steigende Arbeitslosenzahlen reduzieren die Krankenkassenbeiträge. Und Partikularinteressen auf Bundes-, Länder und Gemeindeebene fördern nicht selten Ineffizienz und den Mangel an Steuerungsentscheidungen für die Zukunft.

Was aus der Sicht von Patientinnen und Patienten, von Ärztinnen und Ärzten, von Krankenkassen und Gesundheitsökonomie geschehen sollte, um die Systemzufriedenheit zu steigern, thematisiert Gregor Stuhlpfarrer in „Menschen & Mächte“.

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