Innsbruck (OTS) Der Kremlchef hat dem westlichen Sicherheitsbündnis eine neue Einheit, einen neuen Zweck und zwei wertvolle neue Mitglieder beschert. Er dürfte dies als Bestätigung dafür ansehen, dass die NATO sein Land umzingelt.

Mit dem Ende des Kalten Kriegs hatte die NATO ihren ursprünglichen Zweck verloren. Die Folge war jahrelanger interner Streit um die Rolle des Sicherheitsbündnisses. Noch 2019 bescheinigte ihm der französische Präsident den Hirntod. Mit der Invasion in der Ukraine hat Kremlchef Wladimir Putin der NATO nun eine neue Einheit und einen neuen Zweck beschert. Es ist wieder der alte – nämlich die Eindämmung einer Bedrohung aus Moskau.
Zudem erhält die NATO mit Schweden und Finnland zwei neue Mitglieder. Beide geben ihre Tradition der Bündnisfreiheit auf. Das belegt, wie massiv und nachhaltig Putin die europäische Sicherheitsarchitektur erschüttert hat. Und es ist auch das bisher augenscheinlichste Beispiel dafür, dass er mit der Invasion das Gegenteil von dem erreicht hat, was er wollte. Noch im Dezember hatte Putin von der NATO explizit den Verzicht auf die Aufnahme neuer Mitglieder gefordert.
Zudem untergräbt die souveräne Entscheidung der Finnen und Schweden die Erzählung des Kreml, wonach Imperialisten in Washington ihre europäischen Marionetten gegen Russland dirigieren. In beiden Ländern halten politische und gesellschaftliche Mehrheiten eine pragmatische Neuausrichtung der Sicherheitspolitik für notwendig. Nicht Washington hat diese Dynamik angestoßen, sondern Moskau selbst.
Skeptiker mögen die Eile kritisieren, die Provokation Russlands oder eine riskante Verdoppelung der Landgrenze zwischen NATO-Territorium und Russland. Aber für das Sicherheitsbündnis wäre es politisch undenkbar, im Angesicht russischer Drohungen die beiden Staaten nicht aufzunehmen. Sie sind stabilere Demokratien und militärisch besser gerüstet als so manch andere Sorgenkinder der NATO. Und sie sind schon bisher fest in die westlichen Strukturen eingebunden – inklusive EU-Beistandspflicht.
NATO-intern schießt einzig die Türkei quer. Aber die allgemeine Einschätzung scheint zu sein, dass der türkische Präsident damit vor allem Zugeständnisse erpressen will, die er im Wahlkampf verwenden kann. Auch die von Moskau angekündigten Konsequenzen sorgen bisher im Westen für keine nennenswerte Unruhe. Der Moment gilt im Gegenteil als historisch günstig: Russ­lands Ressourcen sind durch die Sanktionen geschrumpft und in der Ukraine gebunden.
Putins bisheriges Verhalten spricht nicht dafür, dass er seinen strategischen Fehler erkennt und korrigiert. Eher dürfte er sich in seinem Weltbild bestärkt fühlen, wonach Russland vom Westen umzingelt wird und sich wehren muss. Die NATO mag mit seiner Hilfe zu neuer Stärke finden; Europa wird dadurch nicht sicherer.

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