Innsbruck (OTS) Mit einem Nicht-Antreten hätte Angela Merkel ihr eigenes Scheitern, aber auch das der Europäischen Union eingestanden. Davon abgesehen hat sie es in den vergangenen Jahren verabsäumt, einen Nachfolger aufkommen zu lassen.

Es ist Angela Merkel gar nichts anderes übrig geblieben. Ihre Wiederkandidatur zum Parteivorsitz und als Kanzleranwärterin hat gute Gründe, unabhängig davon, wie begeistert oder überzeugt sie selbst davon sein mag, noch einmal in den Ring zu steigen.
Die mächtigste Frau der Welt kann sich jetzt nicht einfach ins Private zurückziehen, allein schon aus parteiinternen Gründen nicht. Es gibt weit und breit niemanden, der sich dafür anböte, in ihre – zweifellos großen – Fußstapfen zu treten. Die dünne Personaldecke in der Union hat sich zuletzt in der verzweifelten Suche nach einem Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl offenbart. Bizarr geradezu, dass es noch schlimmer aussieht, wenn es um ihre Nachfolge in der CDU geht. Zwar ist das Murren auch in den eigenen Reihen aufgrund ihrer Flüchtlingspolitik im vergangenen Jahr immer lauter geworden. Doch niemand in ihrer Partei hat das Standing bzw. den Rückhalt, um ihr tatsächlich die Stirn bieten zu können. Die Pastorentochter hat als CDU-Chefin von Beginn an jeden Konkurrenten in den eigenen Reihen gnadenlos ausgebremst. Etwas, das sich nun als Dilemma für sie selbst herausstellt.
Darüber hinaus sieht nicht nur ihre Partei, sondern auch die Wählerinnen und Wähler Merkel allein auf weiter Flur, wenn es darum geht, wer denn nach der Wahl im Herbst 2017 im Bundeskanzleramt in Berlin sitzen soll. 55 Prozent der Deutschen wünschen sich laut Emnid-Umfrage wieder Merkel dort – übrigens auch mehr als die Hälfte der SPD-Wähler. Selbst die Schwesterpartei CSU, die in den vergangenen Monaten der Kanzlerin größter Feind war, hat ihr gestern die Unterstützung garantiert.
Angela Merkel hat ihre Zustimmung national der guten Wirtschaftslage in Deutschland zu verdanken. International steht sie aber für noch mehr. Sie, die lange Zeit für zögerlich und wenig entscheidungsfreudig gehalten wurde, setzt sich vehement gegen den grassierenden Rechtspopulismus zur Wehr und will ihm – noch – keinen Millimeter nachgeben, auch wenn das Wählerstimmen kostet. Und Merkel ist eine, die abseits der vielen Schrebergarten-Denker unter den EU-Regierungschefs noch für das geeinte Europa kämpft. Wäre sie nicht mehr angetreten, hätte sie nicht nur ihr persönliches Scheitern, sondern auch das der Europäischen Union eingestanden. Sie weiß aber, dass diese Gefahr durch ihre Kandidatur keineswegs gebannt ist.

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