Innsbruck (OTS) Nach einem halben Jahr Krieg in der Ukraine gibt es keine konkrete Perspektive, wie er enden kann.
Der Kreml wähnt die Zeit auf seiner Seite. Die Ukraine ist auf das Durchhaltevermögen des Westens angewiesen.

Sechs Monate liegt die jüngste Zäsur in der europäischen Geschichte nun zurück. Mit der Invasion in der Ukraine hat Kremlchef Wladimir Putin angegriffen, worauf Europa gebaut ist: die Sicherheitsarchitektur; die Werte; den Wirtschaftskreislauf; das Lebensgefühl; die Lehren, die Europa aus der Geschichte gezogen hatte.
Die EU und der Westen insgesamt haben bisher verblüffend geeint und konsequent darauf reagiert. Die Herausforderung liegt aber nicht allein in der Sicherheits-, Energie- oder Sozialpolitik. Putins Angriffskrieg stellt – gerade hier in Mitteleuropa – auch die pazifistischen Impulse in Frage, die wir über Jahrzehnte verinnerlicht haben.
Wenn die Ukraine mit militärischen Mitteln ihr Überleben als souveräner Staat verteidigen kann, ist das ein gerechtfertigter Krieg. Sie dabei zu unterstützen, kann moralisch und politisch geboten sein, und es ist völkerrechtlich auf jeden Fall gedeckt. Umgekehrt: Lässt Europa die Ukraine alleine, würde es sich selbst in Frage stellen und verheerende Signale weit über Europa hinaus aussenden. Putins Aggression und ihre Folgen einzudämmen, erfordert aber auch, den Einsatz von militärischen Mitteln unter bestimmten Umständen zu akzeptieren.
Dies war einfacher zu Beginn des Krieges, als die Ukrainer Überraschungserfolge feierten, als Kriegsverbrechen der Invasoren die westliche Öffentlichkeit erschütterten und zugleich deutlich wurde, dass der Kreml sich verrechnet hatte. Die Ukraine und der Westen fanden im Widerstand einen inneren Kitt, den sie vorher nicht hatten. Inzwischen ist der Krieg beinahe zu einer neuen, schrecklichen Normalität geworden. In den von Teuerung und Energiesorgen geplagten Gesellschaften des Westens regen sich Zweifel und Ängste. Und vor allem: Es mangelt an konkreten Perspektiven.
Militärisch scheint derzeit keine Seite in der Lage zu sein, entscheidende Fortschritte zu erzielen. Und für eine diplomatische Lösung fehlen die Voraussetzungen. Der Kreml rückt von seinen Kriegszielen nicht ab und wähnt die Zeit auf seiner Seite. Auf der Gegenseite stehen die Ukraine und der Westen vor dem Dilemma, dass jeder Kompromiss Russland de facto eine Kriegsbeute zugestehen würde. Und was wäre eine Vereinbarung mit Putin überhaupt wert?
Sechs Monate nach Beginn der Invasion bleibt als einzige Gewissheit, dass der Krieg vorerst weitergeht. Welche Wendungen er noch nimmt, hängt wesentlich von der Entschlossenheit und dem Durchhaltevermögen des Westens ab. Die Verteidigung der Ukraine und des europäischen Lebensmodells gegen einen Aggressor gibt es nicht zum Nulltarif.

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