Innsbruck (OTS) Der Terroranschlag bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München versetzte die Welt in eine Schockstarre. Nur nicht den Sport. Denn höher, weiter, schneller ist schmerzbefreit, weil die Sportpolitik dem Geld nachrennt – nicht der Moral.

Die olympische Idee von völkerverbindenden und friedlichen sportlichen Wettkämpfen wurde schon 1936 von den Nazi-Spielen in Berlin missbraucht. Mit ihren Propagandafilmen „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ verfestigte die deutsche Regisseurin Leni Riefenstahl danach das Bild von der faschistisch-militärischen Ästhetik und rückte sie in den Vordergrund. Olympia hatte jedoch kein Problem damit und auch nicht mit Adolf Hitlers Rassenwahn. Man machte sportlich einfach mit. Als ob sich Sport und Politik tatsächlich in zwei unterschiedlichen Welten bewegen würden. Drei Jahre später marschierte Hitler-Deutschland mit dem Überfall auf Polen dann im Gleichschritt in den Zweiten Weltkrieg und in den Holocaust.
Das von Deutschland bewusst herbeigeführte dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas sollte mit Bildern von heiteren und bunten Sommerspielen 1972 irgendwie überwunden werden. München wollte der Welt eine Botschaft vermitteln: So sind wir nicht mehr. Doch mit einem Attentat nützte die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ heute vor 50 Jahren die Weltöffentlichkeit für ihre politischen Ziele.
Elf Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft wurden ermordet, die Welt verharrte in Schockstarre. Nur nicht Olympia. Trotz der Geiselnahme haben die Organisatoren erst spät und nach heftigen Protesten der Teilnehmer die Spiele an diesem 5. September 1972 unterbrochen. Dem folgte allerdings einer der bekanntesten, aber zugleich umstrittensten Aussprüche der Sportgeschichte. „The games must go on“ („Die Spiele müssen weitergehen“), sagte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees Avery Brundage bei der Trauerfeier für die getöteten Sportler. Sich dem Terror nicht zu beugen, mag eine politische und moralische Kategorie sein. Auf den Sport gemünzt, trieft jedoch nur pure Verlogenheit heraus. Denn Brundage wollte einzig und allein das größte Sportereignis der Welt retten.
Seine Denke hat sich nicht verändert, die (internationale) Sportpolitik bleibt schmerzbefreit: Olympische Sommerspiele in Peking 2008, die Retorten-Winterspiele heuer ebenfalls im kommunistischen Regime in China und 2014 im russischen Sotschi. Die Fußball-WM fand 1978 in Argentinien statt, wo damals eine Militärdiktatur regierte. Die Opferzahlen der Junta werden mit 30.000 beziffert. Nicht zu vergessen rollte der WM-Ball vier Jahre nach der kriegerischen Annexion der Krim 2018 auch in Russland. Und im November wird in Katar gekickt.
Die Formel ist einfach: Geld spielt Sport, Fußball und Olympia. Oder wie schrieb einst Bert Brecht: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.

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