Innsbruck (OTS) Auf dem Wahlsieger in den USA lasten große Probleme und noch größere Erwartungen. Seine Chance ist sein Amtsverständnis als Brückenbauer und politischer Dienstleister.

Erleichterung machte sich am Wochenende in Amerika und anderen Teilen der Welt breit. Die Ära von Donald Trump als US-Präsident neigt sich dem Ende zu. Als hätte man den Deckel von einem Druckkochtopf genommen, feierten Menschen spontan in den Straßen. Aber der ausgelassenen Party könnte bald ein Kater folgen.
Trump-Bezwinger Joe Biden steht jetzt vor einer „Mission:
Impossible“, um einen Filmtitel zu verwenden. Er übernimmt eine verwundete Supermacht. Die Amerikaner sind so tief gespalten wie seit dem Bürgerkrieg nicht mehr, dazu kommen die Gesundheits- und Wirtschaftskrise, Reformstau und Überschuldung. Trump wird, wie es aussieht, mit allen Mitteln gegen einen demokratischen Machtwechsel ankämpfen und weiterhin seine Partei und die Gesellschaft vergiften. Zudem bekommt es Biden wahrscheinlich mit einer republikanischen Senatsmehrheit zu tun, und die eigene Parteilinke wird auch ihren Lohn verlangen.
In dieser Lage soll Biden nun als politischer Sanitäter im Multitasking-Modus antreten. Die Liste der Patienten reicht von Amerikas Demokratie über den geschundenen Mittelstand bis zum Weltklima und den Krisenherden von Nah- bis Fernost. Dass sich das nicht alles ausgeht, liegt auf der Hand. Es wäre schon eine enorme Leis­tung, könnte Biden die Wogen glätten und das Land geordnet aus der Krise führen.
Im Film kann der Agent die unmögliche Mission mithilfe spektakulärer Tricks doch noch zum Erfolg führen. Bidens Trick ist seine Biederkeit. Nach Jahrzehnten in der Politik ist er nicht dem Zynismus verfallen. Er glaubt an die politischen Spielregeln, an den Kompromiss, an eine pragmatische Führung im Dienst der Menschen. In seiner Siegesrede präsentierte er sich bescheiden und hat seinen Gegnern die Hand gereicht. Viele seiner Sätze wären früher als Allgemeinplätze abgetan worden. Aber nach vier Jahren Trump wirkten sie wie Balsam auf die Wunden des Landes. Und wenn Biden sie sagt, wirken sie authentisch. So wohltuend kann langweilig, uneitel und selbstverständlich sein.
Als die Demokraten vor zwölf Jahren das Weiße Haus eroberten, haben Amerikas Konservative Angst bekommen, dass die Obamamania sie überrollt und das Land auf eine Weise transformiert, dass sie sich darin nicht mehr wiedererkennen. Sie haben alles aufgeboten, um den liberalen Hoffnungsträger im Weißen Haus zu stoppen. Vor Biden brauchen sie sich nicht zu fürchten. Darin liegt vielleicht eine kleine Chance, dass Bidens Präsidentschaft eines Tages auch im Rückblick für Erleichterung steht.

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