Ausgabe vom Mittwoch, 11. August 2021

Innsbruck (OTS) Der künftige ORF-Chef muss zeigen, dass er kein „Parteisoldat“ ist. Die Grünen, Koalitionspartner der ÖVP, haben zu argumentieren, warum sie zusehends gegen ihre einstigen Grundsätze handeln.

Vor jeder Polit-Wahl gibt es Prognosen. Auf den Zehntelprozentpunkt ist der Ausgang nicht vorhersagbar. Bei der Wahl des neuen Generaldirektors war es das. Auf die Stimme genau war im Vorfeld bekannt, wie sie ausgehen wird. Das zeigt, was falsch läuft bei diesem vermeintlich demokratischen Vorgang. Seit jeher ist dieses Votum keines auf Basis von Überzeugung und fachlicher Einschätzung der Kandidaten. Seit jeher tun die Stiftungsräte, die die Neue oder den Neuen wählen, das, was ihre Parteien wollen. Die Begehren der jeweils Regierenden: Jemanden an der Spitze zu postieren, der dafür sorgt, dass sie oft und vorteilhaft vorkommen – als Vorsorge für die nächste Wahl. Erst recht will das ein „Message Control“-Fanatiker wie Sebastian Kurz. Sein Vorteil bei dieser Wahl, die seit 2001 leider offen, nicht geheim abläuft: Die Türkisen haben die Mehrheit im Stiftungsrat. Um ihren Wunschmann nicht als „Par­teisoldaten“ dastehen zu lassen, wirkten sie auf den Koalitionspartner ein. Die Grünen sollten sich ebenfalls für Weißmann aussprechen. Das haben sie getan – ohne Not. Was wäre passiert, hätten sie anders agiert, gemäß dem Credo „Qualifizierte Frauen vor!“ für Lisa Totzauer gestimmt? Was fürchten sie? Dass Kurz das Regierungsbündnis in einer Corona-, damit auch Wirtschaftskrise beendet? Mit dem Argument, dass die Grünen keinen aus dem „ÖVP-Freundeskreis“ gewählt haben? Es wäre ein schlechtes.
Es ist der nächste Sündenfall der Ökos. Einmal mehr belegen sie: Der Standort bestimmt den Standpunkt. Macht vor Grundsatz. Vor der vergangenen Nationalratswahl plakatierten sie: „Wen würde der Anstand wählen?“ Nun sind sie dabei bei der vormals gescholtenen Packelei. Die ÖVP bestimmt den General, die Grünen suchen sich zwei Direktoren auf der Ebene darunter aus. Wohl ist ihnen nicht dabei, im Wissen um den Vorhalt. Bei Gesprächen mit der TT versuchten sie ihr Tun zu rechtfertigen. Eierei hin, Eierei her. Wären sie nicht in einem koalitionären Bund, sondern Oppositionelle, hieße es ob des Geschehens wohl: „Welch ungustiöse Postenschacherei!“
Und für Weißmann, der das Handwerk kann, ist nicht nur Sieges-Holodaro geboten. Er kann sich über den einflussreichen Posten freuen, muss sich aber auch bewusst sein, dass er im Fokus ist. Wird er Gehilfe einer Partei sein? Oder geht es ihm, wie es das Gesetz verlangt, um das Wohl des Betriebes und seiner Mitarbeiter? Wird er diesen „zukunftsfit“ machen, die Journalisten unbeeinflusst werken lassen? Wie für die ORF-Chefs davor gilt für Weißmann: Er wird auch öffentlich beobachtet werden.

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