Innsbruck (OTS) Die steigende Unzufriedenheit der Pflegekräfte und den „Pflege-Notstand“ im Genick, hat Gesundheitsminister Rauch ein Reform-Paket präsentiert. Eines, das nicht wenig Anerkennung erntet. Ihre Effektivität muss die Reform erst beweisen.

Die Zielsetzung ist formuliert: Bis 2030 wird der prognostizierte Bedarf an zusätzlich 76.000 Pflegekräften in Österreich abgedeckt sein. Das sagten Gesundheitsminister Johannes Rauch (Grüne) und VP-Klubchef August Wöginger (VP) gestern bei der Präsentation des Pflege-Pakets im Brustton der Überzeugung. Türkis-Grün wähnt sich mit „der größten Pflegereform der vergangenen Jahrzehnte“ auf dem richtigen Weg. Und bereits am Ziel. Dabei war es lediglich ein erster, überfälliger Schritt.
Bereits unter Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel wurde sie versprochen. Konkreter angeteasert hat ein Paket viele Jahre später Rudolf Anschober. Angekündigt hat die Reform dann Wolfgang Mückstein. Aber erst Rauch, der dritte grüne Gesundheitsminister seit 2020, hielt Wort. Nicht ohne Inszenierung. Just am Tag der Pflege, just bevor die Gewerkschaften und mit ihnen – ob der jahrelangen gesellschaftlichen wie politischen Missachtung und Geringschätzung ihres Berufs – frustrierte, überarbeitete, aber dennoch für ihren Job brennende Pflegekräfte auf die Straße gingen.
Inhaltlich hat Rauch der Pflege-Zukunft ges­tern einige der lange geforderten Leitplanken verpasst. Davon zeugt auch, dass das Paket – bis auf wenige Ausnahmen – von unterschiedlichsten Seiten Anerkennung erntete. Eine Milliarde ist nicht nichts. Soziale Absicherung in der Ausbildung, Öffnung für die Lehre, mehr Kompetenzen in der Arbeit am Klienten auf der einen, Entlastung für pflegende Angehörige auf der anderen Seite: Die Richtung stimmt. Freilich: Manches, was in Wien als Novität gepriesen wird (Bsp.: zusätzliche Entlastungswoche), ist in Tirol (für Landes- und Gemeindevertragsbedienstete) schon Realität. Zudem ist vieles erst noch auszuverhandeln, wenn nicht sogar auszufechten. Ob mit Ländern oder Sozialpartnern. Fallstricke für die Reform gibt es noch zur Genüge.
Das Paket soll die größten Baustellen in der Pflege beseitigen. Die Zeitschiene ist und bleibt das große Fragezeichen. Ein Beispiel:
Die Pflege-Lehre soll im Herbst 2023 starten. Die ersten werden die Pflegefachassistenz-Lehre 2027 abschließen. Drei Jahre, bevor die Koalition die Personallücke geschlossen haben will. Fünf Jahre, nachdem aktuell bereits der Hut brennt. Gänzlich unbeantwortet bleibt vorerst, wie der Reform zweiter Teil aussehen soll: jener der langfristigen, solidarischen Zukunftsfinanzierung der Pflege.
Bill Belichick, einstiger Football-Trainer des Super-Bowl-Dauersiegers Tom Brady, hatte für sein Team eine simple Erfolgsformel parat: Do your job. Das hat Rauch gestern getan: seine Arbeit. Das ist löblich. Extra-Applaus braucht’s keinen. Eher ist man verleitet, Zugabe zu rufen. Denn abgeschlossen ist die Pflege-Reform lange nicht.

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