Ausgabe vom Freitag, 12. Mai 2023

Innsbruck (OTS) Manche erinnern sich vielleicht noch daran, wie es war, als es noch keine E-Card gab. Vor 2005 gab es rosa und gelbe Krankenscheine. Man musste zuerst zum Hausarzt und der entschied dann, welcher Facharzt zu konsultieren ist. Das nennt sich Patientenpfad oder Patientenleitsystem. Die Patienten haben die vorgezeichneten Pfade verlassen und überweisen sich selbst direkt an den Facharzt. Letzterer ist immer öfter kein Kassenarzt, sondern ein Wahlarzt. Wer es sich leisten kann, zahlt extra für etwaige kürzere Wartezeiten und ein längeres Gespräch mit dem Arzt.
Österreichs Gesundheitssystem ist aus den Fugen geraten. Die Zweiklassenmedizin hat sich im niedergelassenen Bereich etabliert, die Zahl der Wahlärzte ist rasant gestiegen, jene der Kassenärzte trotz Bevölkerungszuwachs in etwa gleich geblieben.
Das führt zu einem zusätzlichen Zulauf an die Spitalsambulanzen. Damit sind nicht die Notfälle gemeint, die sind im Spital hoffentlich gut aufgehoben. Es geht um jene Patienten, die alles andere als ein Notfall sind. Es gibt Menschen, die kommen mit einem Husten oder Schnupfen ins Spital, andere landen auf der Ambulanz, weil sie seit Wochen Kreuzschmerzen, aber keine Zeit für Arztbesuche im niedergelassenen Bereich haben. Die Klinik ist noch dazu etwas, was Patienten schon lange wollen, aber bis heute nicht flächendeckend bekommen haben: ein One-Stop-Shop. Viel Kompetenz auf einem Platz, am besten rund um die Uhr und jeden Tag. Auch am Wochenende. Die Primärversorgungseinheiten, so sie denn in Tirol kommen, wären die Annäherung in diese Richtung.
Österreich hat viele Ärzte, aber nicht immer am richtigen Ort. Dazu kommt, dass die Ansprüche der Patienten gestiegen sind. Es reicht die Meinung eines Arztes oft nicht aus, selbst bei geringeren Beschwerden. Niemand wird einem Kranken mit einem schlimmen Befund eine Zweitmeinung verwehren. Aber darüber nachzudenken, wann die Zweitmeinung kostenlos ist und wann der Patient etwas beitragen muss, ist nicht verkehrt. Zu Mehrfachbefundungen gesellen sich Laborleistungen, deren Zahl in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Das liegt auch daran, dass den Ärzten weniger vertraut oder geglaubt wird.
Um das Gesundheitssystem nicht an die Wand zu fahren, braucht es ein Patientenleitsystem. Wenn es die Ambulanzgebühr nicht ist, dann könnte es die Überweisung sein. Auf Papier oder am Handy. Am besten samt Termin, damit man sich die Zeit im Wartezimmer erspart.

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