Innsbruck (OTS) Der Missbrauch im Mädchenheim Martinsbühel ist eine Mahnung an die Gesellschaft, hartnäckig zu sein. Die finanzielle Entschädigung an die Opfer darf kein Ablass sein, erst die Aufarbeitung der Vergangenheit schafft Bewusstsein.

Im Jänner 2006 übernimmt Österreich den EU-Ratsvorsitz, Italien wird bei der WM in Deutschland Fußball-Weltmeister und Alfred Gusenbauer stößt Wolfgang Schüssel vom Thron als Bundeskanzler. Zeitgleich schließt das Mädchenheim Martinsbühel in der unmittelbaren Nachbarschaft von Innsbruck, zwei Jahre später verlassen die Benediktinerinnen Zirl. Alles noch nicht so lange her, alles noch jüngste Vergangenheit. Damit auch der Missbrauch an den damals dort untergebrachten wehrlosen Mädchen: psychisch, physisch, sexuell und seelisch. Hinter den Schlossmauern zerstörten die sadistisch veranlagten Nonnen die Zukunft ihrer Schutzbefohlenen. Rund 100 Betroffene wurden finanziell entschädigt, die Wunden bleiben. Denn die Vergangenheit ist noch präsent und keinesfalls aufgearbeitet. Doch Geld kann niemals ein Ablass sein, vor allem nicht im 21. Jahrhundert. Weggeschaut und nicht richtig hingesehen haben fast alle – in Zirl, bei den Benediktiner(innen) oder im Land Tirol. Vielfach waren auch wir Medien in den vergangenen Jahren zu wenig hartnäckig, weil die Geschichte von heute oft schon morgen eine für das Archiv ist. Die Diözese Innsbruck scheiterte ihrerseits an der Blockadepolitik des Ordens. Deshalb beschämt das Bürgerengagement, die Petition mit mehr als 2500 Unterschriften an den Tiroler Landtag. Es schafft gegenwärtiges Bewusstsein, dass Martinsbühel und die schreckliche Vergangenheit nach wie vor ein dunkler Fleck in der Fürsorgepolitik des Landes nach 1945 sind. Aufklärung tut darum mehr als not.
Von engagierten Zeithistorikern wie Horst Schreiber, die den Finger niemals von den offenen Wunden des Missbrauchs in den staatlichen und konfessionellen Heimen weggezogen haben, wird das Land in die Pflicht genommen. Die Politik reagiert mit einer Expertenkommission. Das ist längst überfällig, aber nicht zu spät. Gefordert sind allerdings auch die Benediktiner. Missbrauch verjährt strafrechtlich, moralisch niemals. Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden, vielmehr bewusst. Der Mantel des Schweigens deckt deshalb nicht zu, sondern schafft Misstrauen; in die Institution Kirche, in ein öffentliches System, das eigentlich die Schwächsten der Gesellschaft schützen sollte.
Martinsbühel ist eine Mahnung an die Gesellschaft im Allgemeinen und die Landespolitik im Speziellen. Und an kirchliche Institutionen. Wenn sich Politik, Kirche und Öffentlichkeit im Land selbst ernstnehmen, müssen sie ihre Verantwortung wahrnehmen. Sie ist nicht teil- und schon gar nicht delegierbar wie eine heiße Kartoffel.

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