Innsbruck (OTS) Das bevölkerungsreichste Land der EU steht durch den Abschied von Angela Merkel aus der Politik vor einer Zäsur. Doch fünf Wochen vor der Bundestagswahl wirkt Deutschland ratlos – sowohl auf politischer als auch auf Wählerseite.

Die Deutschen zeigen sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl äußerst flexibel. Die Positionswechsel an der Spitze der Umfragen erinnern an Radrennen, wo der Erstplatzierte den Hinteren einen erholsamen Windschatten verschafft, bevor sich diese an die Spitze setzen. Zuerst haben die Grünen die Union überholt, bevor diese wieder die Führung übernommen hat. Derweil hat die SPD zum Überholen angesetzt und liegt inzwischen gleichauf mit dem Wahlbündnis von CDU und CSU an der Spitze.
Ein durchaus spannendes Rennen also – allerdings mit dem Manko, dass es nicht auf inhaltliche Auseinandersetzungen der Wahlwerber zurückzuführen ist. Vielmehr sind zwei der drei Parteien, die ums Kanzleramt kämpfen, mit sich selbst und nicht mit der Zukunft der 83 Millionen BürgerInnen beschäftigt. Bislang beherrschten Schlampigkeiten von Annalena Baerbock (Grüne) und Peinlichkeiten von Unionskandidat Armin Laschet die Schlagzeilen und damit auch die Arbeit ihrer Wahlkampfstrategen.
Das Auf und Ab in den Umfragen zeigt das Dilemma. Mit Angela Merkels Abschied aus der Politik geht Deutschland eine langjährige Konstante verloren, mag man sich durch die Kanzlerin nun gut vertreten gefühlt oder sich an ihr gerieben haben. Jetzt muss jemand ihren Platz einnehmen. Noch im Frühsommer lief es auf ein Duell zwischen Baerbock und Laschet hinaus, doch die beiden sind an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert – sie an den moralischen, er an seiner selbst gepriesenen Regierungskompetenz, die der Noch-Landeschef von Nordrhein-Westfalen nach der Unwetterkatastrophe dort jedoch vermissen ließ.
Nutznießer ist Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz. Vor einem Jahr wurde er noch mitleidig belächelt, als die dahinsiechende SPD ihn zu ihrem Kanzlerkandidaten kürte. Inzwischen ist er der Wunschkandidat einer Mehrheit für die Merkel-Nachfolge. Und er zieht die Genossen in der Wählergunst mit nach oben. In der neuesten Umfrage haben sie die Union eingeholt.
Scholz’ Popularität ist nicht nur auf die Pannen seiner Konkurrenz zurückzuführen. Vielmehr verkörperte ausgerechnet der Sozialdemokrat zuletzt am besten Merkels Politikstil – unaufgeregt, schweigend und alles andere als progressiv.
Wie sehr das die Nerven bei CDU und CSU bloßlegt, zeigt, dass plötzlich, wie am Samstag, Merkel auf die Wahlkampfbühne gezerrt wird: Die scheidende Kanzlerin muss als Auffrischungs­impfung für die schwächelnde Union und den laschen Wahlkampf herhalten.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com



Quelle

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at

(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender.