Innsbruck (OTS) Wollen SPÖ und ÖVP die FPÖ auf lange Sicht von der Regierungsverantwortung fernhalten, müssen sie sich endlich um jene Probleme kümmern, die den Menschen Sorge bereiten und sie in die Arme der FPÖ treiben.

Die Bundespräsidentschaftswahl ist geschlagen. Dem „vereinigten Establishment“ beziehungsweise dem „System“ ist es noch einmal gelungen, die Freiheitlichen von den höchsten Ämtern im Staat fernzuhalten, heißt es bei der FPÖ. Von einem Sieg der Vernunft sprechen hingegen die anderen. Und davon, dass die Österreicherinnen und Österreicher mit rechtspopulistischen Ansichten weit weniger am Hut haben als viele ausländische Medien glauben machten. Alexander van der Bellens Erfolg ist ein Punktesieg für Weltoffenheit und eine Bekräftigung der mehrheitlich liberalen und proeuropäischen Haltung des Landes.
Dieser ob seiner Deutlichkeit doch überraschende Wahlausgang darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Freiheitlichen längst keine Kleinpartei mehr sind. Sie haben sich vielmehr neben SPÖ und ÖVP als ernster Anwärter auf die Führungsposition unter den politischen Gruppierungen in Österreich eingereiht. Die 35 Prozent der Stimmen, die Norbert Hofer im ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen gegen Kandidaten aus allen politischen Lagern erhielt, sind mehr als der Beweis für diese These. Die rund 47 Prozent bei der Stichwahl am vergangenen Sonntag zeigen auf, wie viel an freiheitlichem Potenzial in der österreichischen Wählerschaft schlummert.
Wollen die beiden Regierungsparteien der FPÖ auch in Zukunft keine Verantwortung überlassen, müssen sie die Lethargie der Vergangenheit abschütteln. SPÖ und ÖVP müssen sich endlich ernsthaft um jene Probleme kümmern, die den Menschen im Land Sorge bereiten und sie in Scharen den Freiheitlichen in die Hände treiben. Da geht es zum Beispiel um so essenzielle Fragen wie das subjektive Sicherheitsgefühl, um die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, um einen für alle Gesellschaftsschichten gleichen Zugang zur Bildung, um ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit oder darum, die Mindestsicherung so anzupassen, dass es sich wieder lohnt, arbeiten zu gehen. Derzeit ist das bekanntlich nicht der Fall. Das ist Wasser auf die Mühlen der freiheitlichen Systemkritiker.
Wollen SPÖ und ÖVP den neuen Bundespräsidenten nicht in die Lage bringen, vielleicht doch einen freiheitlichen Kandidaten mit der Bildung einer Regierung beauftragen zu müssen – ob der Heinz-Christian Strache oder Norbert Hofer heißt, sei dahingestellt –, braucht es jetzt rasche Reaktionen und treffsichere Maßnahmen. Sonst droht beiden spätestens bei den nächsten Nationalratswahlen ein blaues Wunder.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung
0512 5354 5101
chefredaktion@tt.com



Quelle

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS. www.ots.at

(C) Copyright APA-OTS Originaltext-Service GmbH und der jeweilige Aussender.