Innsbruck (OTS) Die Begeisterung über Fußball vor Fans, über das Frühlingserwachen nach einem Jahr Ausnahmesituation erfuhr am Samstag einen jähen Dämpfer. Die verständliche Betroffenheit wich mancherorts einer heuchlerischen Diskussion.

Dramatische Ereignisse wie der Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen im Rahmen der Fußball-EM folgen einer immer gleichen Chronologie: Erst passiert das Unerwartete, ehe nach einem kurzen Moment der Schockstarre die Mechanismen in Gang kommen:
TV-Moderatoren sprechen von Bildern, die keiner sehen will, während die Kameras ihrer Sendestationen unentwegt auf den Ort des Geschehens gerichtet sind.
Experten stellen die Fortsetzung des Spiels oder sogar des ganzen Turniers in Frage, um diese Momente der Leere und damit die freie Sendezeit bemüht aufgeregt zu füllen.
Unausweichlich: Im Internet kursieren Gerüchte über den Zustand des Betroffenen, wobei die besonders Ahnungs- und Schamlosen im Sinne der Klick-Zahlen oder der Effekthascherei besonders Schlimmes mitbekommen haben wollen.
Und schließlich wird der Vorfall von der Öffentlichkeit auf eine Meta-Ebene gehoben, mit Symbolkraft überladen. Plötzlich spielen Profi-Fußballer nach Meinung von Puristen zu viel (überbezahlt sind sie ja schon), was Vorfälle wie jenen von Eriksen zur Folge hätte. Es wird grundsätzlich – Profisport an sich sei schlichtweg entartet. Die Causa Eriksen endete zum Glück glimpflich, jetzt muss sich der europäische Verband auch keine Gedanken mehr über die Fortsetzung des Turniers machen.
Der tragische Vorfall führte zu einer Gewissensfrage, entzweite die zuvor sprachlose Öffentlichkeit, deren Anspannung sich in sozialen Netzwerken entlud. Dabei ließen sich Situationen wie diese in jedem Sportjahr zuhauf finden, man denke in der jüngeren Vergangenheit nur an den schrecklichen Formel-1-Feuerunfall von Romain Grosjean. Der Franzose genoss weder zuvor noch danach ein ähnlich gelagertes Maß an Aufmerksamkeit wie an diesem 29. November 2020 in Bahrain. Selbst sein mögliches, aber letztlich nicht zustande gekommenes Comeback bewegte die Masse, die von ihm zuvor mangels Erfolg kaum Notiz genommen hatte. Ähnliches stellte man auch nach dem Suizid von Hannover-Tormann Robert Enke (2009) fest – in der ersten Betroffenheit wurden Erklärungsmodelle konstruiert und Statistiken angeführt. Dabei wird vergessen, dass solche Vorfälle nicht Teil des Profitums oder des Sports an sich, sondern Teil des Lebens sind. Nicht in den Kanon der Sportkritiker einzustimmen, bedeutet keineswegs, dass es einem an Empathie fehlt. Aber Anteilnahme zu heucheln, um wenig später zur Tagesordnung überzugehen, bleibt das wahre Übel dieser schnell­lebigen Gesellschaft.

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