Innsbruck (OTS) Die Bekämpfung der Corona-Epidemie verlangt den Menschen viel ab – auch sprachlich. Begriffe wie „Homeschooling“ oder Phrasen wie „neue Normalität“ grenzen aus bzw. beschönigen Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte.

Worte, die aufrichten und ein wenig das Gefühl vermitteln, aufgehoben zu sein. Das wäre schön in Zeiten der persönlichen Einschränkungen und der fehlenden Anwesenheit von Angehörigen und Freunden. Doch weit gefehlt. In den vergangenen Wochen hat die Politik den Menschen auch sprachlich viel zugemutet – sei es durch Begriffsmons­ter, Gelehrtensprech oder problematische Politikphrasen.
Es geht nicht darum, die Dramatik der Lage zu verschweigen oder zu beschönigen. Es muss sogar schonungslos gesagt werden, was Sache ist, beziehungsweise dass die Wissenschaft noch gar nicht weiß, was im Detail da vor sich geht. Und dass deshalb auch Maßnahmen gesetzt werden, die sich später vielleicht als zu drastisch herausstellen könnten.
Wortkreationen, die weniger Sprachgewandte ratlos zurücklassen, tragen wenig zur nötigen Klarheit bei: „Homeschooling“ statt Heimunterricht oder „Tracking“ und „Tracing“ im Zusammenhang mit einer Handy-Anwendung zur Nachverfolgung, ob man Kontakt mit Infizierten hatte, und zu guter Letzt das „Social Distancing“ fürs Abstandhalten nerven abseits wissenschaftlicher Betrachtungen nur. Sprache kann Barrieren schaffen, die manchmal gewollt sind, um sich abzugrenzen – Beispiel Jugendsprache. In der Krisenkommunikation zur Covid-19-Pandemie aber muss die Politik derartige Hürden niederreißen. Virologen und Epidemiologen bekommen das inzwischen meist bemerkenswert gut hin. Nicht immer die Politik. So meinte Minister Heinz Faßmann bei einer Pressekonferenz, die am 10. April live übertragen wurde: Wenn über Ostern „eine etablierte Form der sozialen Interaktion wieder stattfindet, …“. Seine Warnung vor traditionellen Verwandtschafts­treffen dürfte so einigen entgangen sein.
Besonders heikel aber wird es, wenn gut gemeinte Slogans die falsche Botschaft senden. Die von Kanzler Sebastian Kurz progagierte „neue Normalität“ hat nichts mit Normalität zu tun, sondern ist Ausdruck eines Notstands. Denn es kann und wird niemals normal sein, dass sich Menschen nicht näher kommen dürfen als einen Meter. Politiker sollten mit einer Sprache für die schmerzhaften Maßnahmen werben, die niemanden ausschließt und das Außergewöhnliche nicht als normal darstellt.
Den treffendsten Begriff für die Corona-Zeit hat bislang Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel geprägt: „Die­se Pandemie ist eine demokratische Zumutung.“

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