Wien (OTS) Der Senat 1 des Presserats beschäftigte sich mit dem Artikel „Sicherheitslage am Brennpunkt-Bahnhof Linz weiterhin bedenklich“, erschienen am 02.02.2020 auf „wochenblick.at“. Nach Meinung des Senats 1 verstößt der Artikel gegen Punkt 5 des Ehrenkodex für die österreichische Presse (Persönlichkeitsschutz).

Im Artikel wird über die bedenkliche Sicherheitslage am „Brennpunkt-Bahnhof“ Linz berichtet, viele Bürger würden sich im Stich gelassen fühlen. Erst wenn etwas Schlimmes passiere, nehme die Polizeipräsenz am Bahnhof für einige Tage zu. Danach gehe alles wieder seinen gewohnten Gang: „Drogenhandel, Nötigungen, Raubüberfälle, Raufhandel“. Erst im Jänner sei ein 57-Jähriger beraubt und krankenhausreif geprügelt worden. Dem Artikel ist ein Foto beigefügt, auf dem mehrere Gruppen von Jugendlichen am Bahnhof zu sehen sind. Der Begleittext lautet: „Durch all diese finstere Gestalten müssen Reisende, wenn sie durch die Unterführung zur Kärntnerstraße gehen. (…)“

Eine Leserin wandte sich an den Presserat und kritisierte die Bezeichnung der abgebildeten Jugendlichen als „finstere Gestalten“. Die Medieninhaberin nahm nicht am Verfahren vor dem Presserat teil.

Der Senat hält fest, dass die Abgebildeten für einen beschränkten Personenkreis identifizierbar sind. Nach Ansicht des Senats ergibt sich die Erkennbarkeit der Jugendlichen aufgrund ihrer Frisuren und der spezifischen Kleidung bzw. den modischen Accessoires, die auf dem Foto gezeigt werden.

Der Senat betont, dass die Abgebildeten nicht nur im Begleittext als „finstere Gestalten“ bezeichnet werden, sondern auch in die Nähe von schweren Straftaten gerückt werden: Im Haupttext des Artikels ist die Rede von Drogenhandel, Nötigungen, Raubüberfällen und Raufhandel. Für die Leser entsteht somit der Eindruck, dass die Jugendlichen für diese Delikte verantwortlich seien. Der unbewiesene Vorwurf von Straftaten wirkt sich unweigerlich nachteilig auf die Abgebildeten aus; im vorliegenden Fall ist sowohl von einer Ehrverletzung als auch von einem Eingriff in die Unschuldsvermutung auszugehen.

Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ wird aufgefordert, über den Verstoß gegen den Ehrenkodex freiwillig zu berichten.

Selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung einer Leserin

Der Presserat ist ein Verein, der sich für verantwortungsvollen Journalismus einsetzt und dem die wichtigsten Journalisten- und Verlegerverbände Österreichs angehören. Die Mitglieder der Senate des Presserats sind weisungsfrei und unabhängig. Im vorliegenden Fall führte der Senat 1 des Presserats aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein Verfahren durch (selbständiges Verfahren aufgrund einer Mitteilung). In diesem Verfahren äußert der Senat seine Meinung, ob eine Veröffentlichung den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat von der Möglichkeit, an dem Verfahren teilzunehmen, keinen Gebrauch gemacht. Die Medieninhaberin von „wochenblick.at“ hat die Schiedsgerichtsbarkeit des Presserats bisher nicht anerkannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tessa Prager, Sprecherin des Senats 1, Tel.: 01/21312-1169



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