Gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe von Lebensmitteln: Pferd von hinten aufgezäumt?

Wien (OTS) Die Wiener Tafel fordert noch tragfähigere Lösungen zur Vermeidung von Lebensmittelabfällen: Nur mit der nötigen Infrastruktur können die beachtlich großen Mengen an überlagerten Lebensmitteln in Österreich sinnvoll und nachhaltig vor der Vernichtung bewahrt und Armutsbetroffene unterstützt werden. Die gesetzlichen Verpflichtungen zur Abgabe von überlagerten Lebensmitteln – wie zuletzt in Frankreich und Tschechien implementiert – haben sich im internationalen Vergleich als nicht zielführend erwiesen. Anreizsysteme und die Schaffung der nötigen Infrastrukturen tragen Früchte. In vielen Ländern werden Lagerflächen, Kühlanlagen und Transportmittel von Kommunen und Behörden zur Verfügung gestellt. Die österreichischen Tafeln müssen die Ressourcen bislang primär aus Spenden finanzieren.

Gesetzliche Verpflichtung ohne Schaffung von Strukturen: Pferd von hinten aufgezäumt

In Tschechien wurde ein ähnliches Modell gewählt wie die französische Regelung: Lebensmitteleinzelhändler werden unter bestimmten Rahmenbedingungen gesetzlich verpflichtet, überlagerte Lebensmittel an karitative Organisationen abzugeben. Was auf den ersten Blick sinnvoll scheint, ist bei näherer Betrachtung ohne gesetzliche Vorgaben für die Schaffung der nötigen Infrastruktur kontraproduktiv: Ohne die nötigen Lagermöglichkeiten, Transportmittel und Logistiklösungen zur Verfügung gestellt zu bekommen, können die Foodbanks (Tafeln) dazu nicht in der Lage sein, große Mengen an Warenspenden zu übernehmen. „Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass“, so kommentiert Dr.in Alexandra Gruber, Geschäftsführerin der Wiener Tafel und Obfrau des Verbands der österreichischen Tafeln diese Vorgehensweise. Die Erfahrung der französischen Foodbanks hat gezeigt: Die Mengen der geretteten Lebensmittel sind nach Etablierung der gesetzlichen Regelung in Wahrheit nur geringfügig gestiegen. „Allerdings hat das französische Gesetz ganz andere spannende Aspekte anzubieten, wie beispielsweise die Verankerung von Maßnahmen gegen food waste als verbindliches CSR Thema in jedem Unternehmen oder einen konkreten Bildungsauftrag zum Thema Lebensmittelabfallvermeidung in Schulen . Solche Themen wären es wert, sie auch in Österreich zu etablieren“, so Gruber und betont: „Jedenfalls gibt es im internationalen Vergleich ganz hervorragende gesetzliche Lösungen, die wir auch für Österreich einfordern,“ so die Tafel-Expertin.

Italien beweist: Lebensmittelrettung bedarf ganzheitlicher gesetzlicher Regelungen

Mit dem in Italien etablierten „Good Samaritan Law“ wurden für die Weitergabe von Lebensmitteln an karitative Organisationen Haftungsausschlüsse für NGOs eingeführt.
Ebenso beispielgebend ist das in Italien seit zwei Jahren in Kraft befindliche „Gadda Law“: Das Gesetz schafft steuerliche Anreizsysteme, praktische Lösungen, regt die Zusammenarbeit aller Stakeholder entlang der Wertschöpfungskette an und beinhaltet ein Monitoring der Ergebnisse. In Italien ist eine echte Aufbruchsstimmung zu spüren: Die Mengen an geretteten Lebensmitteln stiegen um mehr als 20% in einem Jahr, seit es das Gesetz gibt!

Österreichische Tafel setzen auf brauchbare Lösungen, Vernetzung und Internationalität

Die österreichischen Tafeln gehen den Weg der konsequenten Bewusstseinsbildung und aktiver Überzeugungsarbeit und binden alle relevanten Spieler ein: Einen großen Schritt vorwärts brachte die Etablierung der “Aktionsplattform zur Förderung der Tafelarbeit und zur Vermeidung von Lebensmittelabfall” mit den vier großen Lebensmitteleinzelhändlern, die seit einem Jahr im Sinne von noch mehr Lebensmittelrettung sehr erfolgreich läuft. Für heuer – 2019 – ist eine die Schaffung einer weiteren Aktionsplattform der Lebensmittel herstellenden Unternehmen geplant.
In engem Austausch über den gemeinsamen Dachverband FEBA (Fédération Européenne des Banques Alimentaires) wissen die österreichischen Tafeln aus erster Hand, was funktioniert und was nicht. Um eine dauerhaft tragfähige Lösung in Österreich etablieren zu können, wurde im letzten Jahr ein Förderprojekt über die VKS (Verpackungskoordinierungsstelle) ins Leben gerufen, die Richtlinien zur Lebensmittelweitergabe in den europäischen Ländern vergleichen. Abfall-ExpertInnen der BOKU sind darin ebenso vertreten sind wie Hygiene-Fachleute und LebensmitteltechnologInnen. Ziel ist es, den österreichischen Leitfaden zur Weitergabe von Lebensmitteln in Zusammenarbeit mit den Fachleuten des Gesundheitsministeriums und des Ministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus zu modernisieren, zu vereinfachen und zu konkretisieren.Daraus werden sich weitere Forderungen an die Politik ableiten. Ergebnisse sind im kommenden Sommer zu erwarten.

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